Nur ein Märchen?

Der alte Großvater und der Enkel

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Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da?“ fragte der Vater. „Ich mache ein Tröglein,“ antwortete das Kind, „daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.“ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an Fingen endlich an zu weinen, holten sofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Ein Märchen der Gebrüder Grimm

Wenn ich dieses Märchen lese kriecht mich das schlechte Gewissen derart an …

3 Jahre lebte mein Vater noch nach den Tod meiner Mutter. 200km von hier.  Er war alt und krank. Er war umsorgt. Meine Schwester kümmerte sich, wusch die Wäsche, brachte gekochtes Essen und Bücher vorbei. Sie wohnte nicht weit weg. Das Putzen erledigte eine Putzfirma. Er hatte alles, was er brauchte. Einmal im Monat waren wir alle versammelt bei ihm zum Kaffee und aufgetauter Deluxe-Torte. Ich mochte meinen Vater sehr.

Und trotzdem begriff ich nicht, wie einsam er war.
Manchmal hat er es gesagt, aber ich habe es nicht verstanden, er hatte doch alles.
War er im Krankenhaus, besuchte ich ihn dort.
Beim letzten Besuch schlief er.
Ich streichelte seinen Arm und plötzlich murmelte er ganz deutlich: „ich kann nicht mehr….“
Meine Schwester war dabei und hörte dies auch.
In der gleichen Nacht starb er, er ist nicht noch einmal aufgewacht.
Vielleicht hatte er darauf gewartet, bis ich nocheinmal kam.

Und jetzt, so viele Jahre später, beginne ich zu verstehen, wie einsam er gewesen sein musste.

Und ich wünsche mir nichts mehr, als ihn auf der anderen Seite dieser Welt wiederzusehen, ihn zu umarmen und um Verzeihung zu bitten, dass ich es damals nicht verstand. Und so wie ich ihn kenne, nimmt  er die Entschuldigung an und freut sich einfach, dass ich da bin.

Und darauf freue ich mich….

 

*      *     *      *      *

 

 

3 Gedanken zu “Nur ein Märchen?

  1. Dieses Märchen habe ich schon länger nicht mehr gelesen. Ich danke dir dafür.
    Je älter man wird desto wichtiger ist es gut in der Gesellschaft integriert zu sein.
    Wenn man jung ist, versteht man so vieles noch nicht. Umso schöner und tröstlicher ist es doch, das du weißt wie dein Vater reagieren würde.

  2. In Gedanken kannst du das jetzt schon tun, ihn dir vorstellen, ihn umarmen und um Verzeihung bitten. Und vielleicht wird er dir antworten, dass Kinder für die Einsamkeit der Eltern nicht verantwortlich sind. Und er freut sich, dass ihr über seinen Tod hinaus miteinander liebevoll verbunden seid.

    • Das habe ich schon ganz oft getan und bin mir fast sicher, dass es ihn erreicht hat. Aber die Leitung ging mehr über Gott. So in der Art: Gott, du weißt, dass … Bitte sag es ihm und pflanze es in sein Herz hinein, dass auch er es weiß…

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