Mal wieder: Die Geschichte zum Mittwoch #29

Nur ein Sperling

Auf der Heimkehr von der Jagd schritt ich durch die Gartenallee, die von dem großen, schmiedeeisernen Tor zum Haus führte. Mein Hund lief vor mir her.

Plötzlich hörte er zu laufen auf und bewegte sich mit jenem eigentümlichen, halb geduckten, lautlosen Gang vorwärts, den Hunde stets annehmen, wenn sie irgendein lebendes Wesen anschleichen.

Ich schaute die Allee hinunter und sah einen jungen Sperling mit gelb umrandeten Schnabel und Flaum auf dem winzigen Köpfchen. Es war aus dem Nest gefallen – ein heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee -, hockte unbeweglich auf dem Kies und streckte hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügel aus.

Langsam näherte sich ihm mein Hund, als plötzlich von der nächsten Birke der alte schwarzköpfige Sperling herabstürzte und wie ein Stein gerade vor seiner Schnauze zu Boden fiel. Zerzaust, verstört und mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter flatterte er gegen den Hunderachen mit den spitzen Zähnen. Er warf sich über sein Junges, um es zu beschützen, doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, das dünne Vogelstimmchen klang wild und aufgebracht.

Als welch riesengroßes Untier musste ihm der Hund erscheinen! Und dennoch hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Ast zu bleiben vermocht.

Eine Macht, stärker als sein eigener Wille, hatte ihn von dort herabgerissen, geradewegs vor den Hund!

Mein Hund blieb starr stehen, wich zurück, als könnte er diese Macht begreifen. Ich rief den Verdutzten zu mir zurück und entfernte mich, Ehrfurcht im Herzen. Ja, ich lächelte nicht darüber! Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen, heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe.

Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die Schrecken des Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält und bewegt unser Leben.

Iwan Turgenjew

*     *     *     *     *

Ja, das ist so eine herzzerreißende Taschentuchgeschichte. Nachdem meine Tränen getrocknet waren, habe ich überlegt, ob Spatzen überhaupt „Liebe“ empfinden können. Ich habe herumgegoogelt und nichts dazu gefunden. Ja, über Säugetiere findet man etwas oder auch über die Fortpflanzung von Vögeln, aber „Liebe“, so wie sie  der Iwan Turgenjew beschreibt???

Ja, gut, es soll sicherlich ein übertragenes Bild sein. Aber er beschreibt hier keine Fabel als solches, sondern eigenes Erleben.

Kann jemand etwas dazu sagen?

*    *     *     *     *

5 Gedanken zu “Mal wieder: Die Geschichte zum Mittwoch #29

    • Stimmt. Das ist bestimmt auch bei Spatzen so. Aber es geht hier um die „Liebe“ und nicht um ein Instinkt.
      Oder habe ich das falsch verstanden?
      LG Weena

  1. Ich weiß nicht ob es Liebe ist. Aber ein Beschützerinstinkt wird in jedem Tier stecken. Sogar wenn sie nicht von der gleichen Rasse stammen.

  2. Es ist nicht nur eine Mutterliebe, es ist Elternliebe
    denn beide Teile kümmern sich gleichermaßen um ihre Jungen. Die Nestlinge sind jetzt oft als Flüchtlinge zu beobachten. Noch sind es keine besonders gute Flieger, verlassen aber immer häufiger ihr Nest und sind am Boden zu sehen. Die Eltern beobachten ihre Jungen aus einer gewissen Entfernung sehr genau.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: