Hilflos und einsam … :(

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Gestern auf dem Heimweg vom Offenen Treff stand die Bahn plötzlich.
Und stand und stand und stand.

Der Fahrer sagte, dass in der vor ihm fahrenden Tram ein Notarzteinsatz wäre und es ginge bestimmt gleich weiter.
Machte es aber nicht.
Meine Bahn war inzwischen fast leer, die Leute machten sich zu Fuß auf den weiteren Heimweg.

Ich hatte dazu keine Lust und dachte mir, ich könne in die davorstehende Notarzt-Bahn steigen, die würde ja sowieso eher fahren und ich könne gleich mal gucken, ob es denn noch lange dauern würde.
Ich stieg dort ein und sah … die Sanitäter kümmerten sich um einen, der noch kurz zuvor mit mir für 2 Stunden im Offenen Treff Phase10 gespielt hatte.
Er war bei einer  Notbremsung der Bahn schwer gestürzt.

Ich fragte, ob ich helfen kann.
Etwas aus seiner Wohnung holen, ein paar Sachen oder so.
Nein, sagte er.
Ob ich jemand anrufen, informieren sollte.
Nein, sagte er.
Er lebt allein.
Hat niemand.

Und ich fühlte mich so schrecklos hilflos.
Hätte gern irgendetwas getan, irgendetwas geholfen und wusste nicht was.
Er wurde dann ins Krankenhaus gefahren.
Genau in das Krankenhaus, in dem mein weltbester Ehemann 2009 gestorben ist.
Ich bin nicht in der Lage, auch nur einen Fuß in dieses Krankenhaus zu setzen.

Zu Hause angekommen, hätte ich nur noch heulen können.
Ich rief dann noch eine Mitspielerin an, um es irgendwie rauszulassen.
Es ging mir mies.
Nein, nicht „ging“, sondern es „geht“ mir immer noch mies.

Spät abends bekam ich noch eine WhatsApp Nachricht von dem Autisten, er habe seine Arbeit verloren, Ende Dezember schließt das Werk.
Er hat dort 32 Jahre gearbeitet.
Es geht ihm psychisch schlecht.
Er ist einsam und allein.

Und ich?
Sitze auch zu Hause.
Einsam und allein.

Da waren wir schon drei am gestrigen Abend.
Und wie viele Menschen in dieser 3,5-Millionen-Stadt werden es auch gewesen sein.

Shit.

*     *     *     *     *

6 Gedanken zu “Hilflos und einsam … :(

  1. Das ist sehr bedrückend und doch gibt es viele Menschen, denen es ähnlich geht. Das soll kein Trost sein, sondern eher ein Erinnern daran, diese Menschen nicht zu vergessen und immer ein waches Auge und ein offenes Ohr zu haben.

    Ich konnte viele Jahre das Krankenhaus, in dem mein Vater starb, nicht betreten. Und dann musste ich es, ich musste eine Schülerin von mir im Praktikum besuchen. Im Nachhinein hat es eine Blockade bei mir gelöst und ich konnte mit der Vergangenheit abschließen.

    Lieben Gruß
    Anna-Lena

  2. Das ist wirklich traurig, aber wie Anna-Lena schon geschrieben hat, versuche einfach in das Krankenhaus zu gehen, vielleicht nimmst du dir jemand als Verstärkung mit, das sich die Blockade auch löst.

    GLG
    Martina

  3. Hallo Weena.
    Die Tipps von Martina und Anna-Lena finde ich gut. Vielleicht kannst du ein paar von dem offenen Treff fragen ob sie dich begleiten. Vielleicht könnt ihr zusammen dem Mann helfen, er braucht doch wirklich ein paar Sachen im Krankenhaus. Das wäre doch eine tolle Idee, oder?

  4. Eine Verstärkung mitnehmen, wie Martina meinte, wäre eine Lösung.
    Du kannst immer noch kehrt machen, wenn es nicht gehen sollte.

    Einsamkeit, das andere Thema: Das ist bedrückend. Ich würde rauisgehen, unter Leuten, auf die Strasse.
    Ich war vor 20 Jahren mal sehr einsam und in meiner Not bin ich auf die Strasse und habe Gespräche gesucht, egal was. Selbst ein „Guten Morgen“ zu jemand im Garten hat dazu beigetragen, das Monster Einsamkeit abzuschütteln.

    Wichtig ist auch, sich nicht zu sehr in dieses schlimme Gefühl reinzubegeben. Das macht es nur schlimmer.

  5. Eigentlich möchte ich gar nicht auf gefällt mir klicken, weil es sehr traurig zu lesen ist. Würdest du dir zutrauen, ihn evtl doch zu besuchen? Vlt sollten alle einsamen Menschen noch mehr zusammenrücken. Sei lieb umarmt.

  6. Ich habe bei Albatros (dem Träger des Offenen Treffs) angerufen, er hat sich inzwischen dort gemeldet. Er ist wieder zu Hause, wie es ihm geht, was die Untersuchungen ergeben hat, darf sie mir nicht sagen. Auch kann sie mir nicht seine Telefonnummer und die Anschrift (die kenne ich nämlich gar nicht) geben.
    Ich bin insofern beruhigt, dass er sich dort gemeldet hat, weil von dort aus sicher Hilfe organisiert werden kann.
    Wenn ich ihn wieder sehe, werde ich ihm meine Kontaktdaten geben, falls er Hilfe braucht. Ich bin diejenige, die am nächsten bei ihm dran wohnt (ohne zu wissen wo, aber er steigt immer 2 Stationen vor mir aus der Tram). Wäre sogar fußläufig erreichbar.
    Mit psychisch kranken Menschen ist alles nicht so einfach (mich eingeschlossen). Die meisten ziehen sich zurück, wollen keine Nähe. Der Offene Treff kostet oft Überwindung, überhaupt rauszugehen. Danach verschwindet man wieder im Nichts. Das musste ich auch erst verstehen lernen.
    Die Konfrontation Krankenhaus ist nun auch aufgeschoben.
    Lieben Dank für eure Tipps und Kommentare.

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