Die Geschichte zum Mittwoch #27

Der Wolf als Schäfer

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Dem alten Wolf war es nun schwer geworden,
die Lämmer von den Weiden zu rauben.
So dachte er nun, auf leicht’re Art zu morden –
seiner List und Kunst konnte man glauben.

Er zog sich an einen Hirtenrock,
nahm Ranzen, Flöte und einen langen Stock
und hätte zur Vollmacht seiner List
noch gern auf seine Stirn geschrieben,
er sei der Herde Hirt.

Der falsche Hirte ging,
indem er den Stab auf die Pfoten legte,
zum echten Hirten hin,
der gerade seine Ruhe pflegte
und dessen müdes Haupt das Gras umfing.

Es schliefen auch die Flöte, die Hunde
und selbst die meisten Schafe in der Runde.
Der Schurke ließ die Schläfer gerne ruhn,
und er ergriff, um einige Schafe fort
in Richtung Wald zu treiben, schon bald das Wort,
im Glauben, nötig sei es, das zu tun –
doch gerade verdarb er seine Sache nun.

Zu schlecht gelang sein Lockruf in die Runde
aus diesem räuberischen Munde.
Laut scholl der Stimme Widerhall
vom Wald zurück. Bei solchem Schall
erwachten gleich der Hirt und Hunde
und alle Schafe in der Runde.

Der Wolf kam auf der Flucht zu Fall
durch seinem Umhang und die Last –
und wurde wehrlos abgefasst.

Mag sich ein Heuchler auch verwandeln
um Unschuld und Güte herauszustreichen,
so bleiben doch die Erkennungszeichen:
Wer Wolf ist, wird auch als Wolf auch handeln.

Jean de Fontaine

*     *      *      *      *

Warum erinnert mich das an die Plagiate von Doktorarbeiten, die vor ein paar Jahren die Runde machten?
Und wie viele mag es davon noch geben?

*     *     *     *     *

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