Die Geschichte zum Mittwoch #25

Ja, ja, ich weiß, heute ist schon Donnerstag. Aber ich lebe zur Zeit irgendwie außerhalb jedes Zeitgefühls…

Zu hoch hinaus

Ein Sperling flog zu einer Schafherde, setzte sich auf den Plankenzaun und betrachtete die Tiere, die fetten Widder, die Schafe mit den dicken Wollnacken und die kleinen, munteren Lämmer. Plötzlich stieß ein Adler herab, packte ein junges Lamm mit seinen Fängen und flog mit der Beute davon.

Der Sperling schlug aufgeregt mit den Flügeln und rief: „Was dieser kann, kann ich auch! Habe ich nicht auch Schwingen wie er? Kann ich nicht wie er durch die Luft fliegen?“

Und der kleine Sperling breitete seine Flügel aus und fühlte sich so mächtig und stark wie der Adler. Er beschloss, es dem königlichen Vogel gleichzutun.

„Aber ich will mir nicht ein kleines Lamm aussuchen wie dieser Räuber“, dachte er verächtlich,“sondern den stärksten und größten Widder.“

Er flatterte auf und suchte den fettesten Widder in der Schafherde.

Das Wollkleid des Widders war verfilzt und klebrig, denn dieser Widder pflegte sich immer in der nassen Erde und Dung zu wälzen. Als der Sperling sich auf dem Rücken des Tieres niedergelassen hatte, schlug er stolz mit seinen kleinen Flügeln und wollte wie der Adler mit seiner Beute in die Luft aufsteigen. Aber die verfilzte Wolle des Widders hielt ihn fest. Der Sperling mochte noch so sehr mit den Flügeln schlagen, seine schwachen Krallen verwickelten sich immer mehr im wolligen Schafsnacken.

Bei jener Herde aber wachte ein Hirte. Er hatte gesehen, wie der Adler das kleine Lamm geraubt hatte, und nun sah er, wie der Sperling es dem Raubvogel gleichtun wollte. Der Hirte wurde sehr zornig und eilte zu dem hilflosen Sperling, der gefangen auf den Rücken des Widders saß. Er packte den Sperling, riss ihm die Flügelfedern aus und band ihm die Füße mit einer Schnur zusammen. Dann brachte er den Sperling zu seinen Kindern.

„Wer ist das?“, fragte eines der Kinder. Der Hirte antwortete: „Das ist einer, der es einem Höheren gleichtun wollte und dadurch ins Verderben geriet.“

aus Tausend und eine Nacht

 

*     *     *     *     *

Ohje, bei Vögeln ist das wohl klar, aber bei Menschen? Wer ist höher, wer niedriger?

 

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2 Gedanken zu “Die Geschichte zum Mittwoch #25

  1. Ich finde da ist der Hirte nicht besser wie der Sperling.
    Anstatt den kleinen Vogel zu befreien nutzte er seine Stärke aus um es den Vögel zu zeigen.
    Wer von beiden wohl das größere Hirn hatte?

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