Die Geschichte zum Mittwoch #20

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Der blinde Maulwurf

An einem schönen Abend, an dem  der Mond weiß und rund am Himmel hing, spielten einige Kaninchen auf einer Wiese Blinde Kuh. „Kaninchen und Blinde Kuh! Das ist doch ganz und gar unmöglich!“, wird nun jedermann ausrufen. „Aber warum“, frage ich, „sollte es nicht unmöglich sein?“

Die Kaninchen pflückten ein weiches, langes Blatt, legten es einem Kaninchen in ihrer Gruppe über die Augen und banden es in seinem Nacken fest. Das war im Nu geschehen, und schon hoppelte das Kaninchen mit der Binde über den Augen im Kreis seiner Kameraden. Die anderen tanzten und hüpften um den blinden Gefährten herum und vollführten wahre Wunder an Geschicklichkeit: Sie hüpften von ihm weg, sie hüpften zu ihm, sie zupftem es an den Ohren, sie zupften es an seinem weißen Schwanzbuschel.

Das arme, blinde Kaninchen mochte sich noch so schnell herumdrehen, noch so blitzschnell seine Pfoten ausstrecken, die anderen waren schon wieder fort, und nichts als Luft fing es in seinen Pfoten.

Es hätte sicherlich bis zum Morgen niemanden gefangen, wen nicht ein dummer Maulwurf in seiner Erdwohnung den Lärm gehört hätte.

Der Maulwurf steckte seinen Kopf aus seinem Loch, kroch heraus und spielte mit. Im nächsten Augenblick war er schon gefangen, blind und langsam und tollpatschig, wie er war.

„Freunde“, sagten da die Kaninchen, „es wäre nicht nett von uns, wenn wir unserem Bruder die Augen verbinden würden. Er kann nicht sehen, wir wollen ihn wieder frei lassen.“

„Auf keinem Fall“, rief da der Maulwurf ärgerlich. „Ich bin nach den Regeln des Spiels gefangen worden. Legt mir die Binde über die Augen!“

Nur zu gern, mein Lieber“, war die Antwort, aber es wird nicht nötig sein, den Knoten fest zu binden.“

„Entschuldigen Sie, meine Herren“, antwortete der Maulwurf aufgebracht. „Bindet den Knoten fester – ich  kann noch sehen! Fester meine Herren, ich kann immer noch sehen, fester!“

Florian

*     *      *     *     *

 

Als ich diese Geschichte gelesen hatte, habe ich ganz verdutzt das Buch hin und her gewendet, geschaut, ob ich nicht eine Seite übersehen habe.
Nö.
Die Geschichte ist hier zu Ende.

Nun schaue ich aber ganz schön doof aus meiner Wäsche.
Was soll jetzt die Moral der Geschichte sein?

Zuerst dachte ich, der arme Maulwurf will nur gleichberechtigt am Spiel teilnehmen.
Jetzt sind ja solche Modewörter wie Inklusion oder Teilhabe in unserem Sprachgebrauch, aber davon konnte ja der Herr Florian noch nix gewusst haben.
(Hab nachgeschaut, er lebte 1755-1788)

Ich weiß nicht, woran es jetzt liegt, an meinem verschnupften Kopf, an der mangelnden Konzentration in Folge der Depression, meines fortgeschrittenen Alters oder einfach nur, weil ich zu blöd bin.

Aber vielleicht weiß ja jemand, wie nun die Moral der Geschichte ist?
Ich fände es super, wenn wir das in den Kommentaren aufgedröslt bekämen.

 

*      *      *      *     *

 

 

6 Gedanken zu “Die Geschichte zum Mittwoch #20

  1. Hallo Weena.
    Da geb ich der Petra recht. Ob mit oder ohne Augenbinde, der Maulwurf wird keinen Unterschied merken aber darauf wartet er ja. Und so meint er, je fester man die Augenbinde zuzieht desto eher wird er den Unterschied merken. Da seine anderen Sinnesorgane aber stärker ausgeprägt sind wird es keinen Unterschied machen.

    • Ja, so wird es wohl sein. Ich hatte auch im Netz gegoogelt, aber diese Fabel wird nirgendwo beschrieben, d.h. ich habe es nicht gefunden.

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