Die Geschichte zum Mittwoch

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Der Mäuserich als Freier

Einst hielt sich ein junger Mäuseherr für schöner und klüger als seine ganze Verwandschaft. Er beschloss daher, auf keinen Fall eine Maus in sein Nest zu führen, sondern nur die Tochter des mächtigsten  Wesen auf der Erde.

„Gewiss gibt es niemand, der stärker als die Sonne ist“, dachte der Mäuseherr, und so ging er zur Sonne und bat sie um ihre Tochter.

Aber die Sonne antwortete ihm: „Geh nur weiter, und du wirst jemand finden, der stärker ist als ich.“

„Wer könnte das sein?“, staunte der Mäuserich.

„Die Wolke“, antwortete die Sonne. „Wenn mich die Sonne verhüllt, so nützt mir mein Licht nichts, und es bleibt auf der Erde düster.“

Der Mäuserich ging daher zur Wolke und sagte: „Da du so gewaltig bist, dass selbst die Sonne nur scheinen kann, wenn du sie nicht verhüllst, so bitte ich dich, gib mir deine Tochter zur Frau, denn ich will nur die Tochter des mächtigsten Wesens auf der Erde als meine als meine Gattin heimführen-“

„Geh weiter“ riet ihm die Wolke, „denn es gibt jemand, der mächtiger ist als ich.“

Wieder staunt der Mäuserich: „Wer könnte das sein, starke Wolke?“

„Der Wind“, flüsterte die Wolke, „er nimmt mich mit seinen gewaltigen Armen und trägt mich, wohin er will.“

„Dann“, sagte der Mäuserich, „will ich zum Wind gehen.“

Der Mäuseherr ging also zum Wind.

„Die Wolke hat mich belehrt“, sagte er, „dass du das gewaltigste Wesen auf der Erde bist. Du trägst sie, wohin du willst, zerstörst und zerteilst sie ganz nach deinem Willen.“

Der Wind war gerade von einer Reise rund um die Erde zurückgekehrt. Er hatte die Meereswellen haushoch getürmt, er hatte die hohen Bäume des Waldes geschüttelt und ein paar entwurzelt, er hatte Dächer abgetragen und die Wäsche von den Leinen der Bauersfrauen gerissen. Aber als er gerade am allerübermütigsten getobt hatte, war er auf einen alten Turm gestoßen, dem er bei besten Willen auch nicht das kleinste Steinchen aus der Mauer hatte reißen können, so fest war dieser Turm gefügt.

„Du irrst dich!“, brauste er daher auf, als ihn der Mäuserich als den Mächtigsten der Erde bezeichnete „Hier erhältst du keine Frau! Sieh hinunter auf diesen alten Turm. Er ist stärker als ich. Er stellt sich unbekümmert meiner Gewalt entgegen. Er wankt nicht und steht da, als ob es mich gar nicht gäbe.“

Der Mäuserich antwortete flink: „Von deiner Tochter will ich nichts mehr wissen. Ich muss die Tochter des mächtigsten Wesens erhalten, und das scheint mir dieser Turm zu sein.“

Er wandte sich also an den Turm und bat ihn um seine Tochter. Der Turm schaute prüfend von oben bis unten an und ächzte dann: „Du bist fehlgegangen!  Es gibt jemand, der stärker ist als ich, er wird mich noch zu Fall bringen, und ich bin machtlos gegen ihn.“

Wer könnte das sein?“, fragte der Mäuserich überaus erstaunt.

„Das ist“, antwortete der Turm, „die Maus!“

„Jetzt willst du mich wohl verspotten?!“, rief der Mäuserich zornig.

„Keineswegs“, erwiderte der Turm ernst. „Tritt zu mir und sieh selbst! Eine Maus hat unter mir ihr Nest. Mein Mauerwerk ist nicht stark genug, sie aufzuhalten. Sie gräbt unter mir und frisst sich durch mich hindurch, und ich, der große Turm, bin hilflos dieser Maus gegenüber.“

„Das sind schlimme Neuigkeiten“, sagte der Mäuserich. „Die Maus ist ja meine  Verwandte!“

Und der Mäuserich wurde außerordentlich traurig und niedergeschlagen, als er sah, dass ihn seine Suche zurück in den Kreis seiner Familie geführt hatte.

„Ich wollte höher steigen, und nun muss ich zu meiner Art zurückkehren“, sagte er betrübt.

„Das ist dein Schicksal“; antwortete der Turm und fuhr tröstend fort: „Geh heim und lerne, jene nicht zu verachten, zu denen du gehörst. Du wirst nie eine Frau finden, die besser zu dir passt als eine kleine Maus!“

 

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Was soll man dazu sagen? Schuster bleib bei deinem Leisten …

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