Die Geschichte zum Mittwoch #14

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Der Wolf und das kleine Lamm

Ein Wolf  und ein kleines Lamm kamen einmal zur gleichen Zeit an einem Bach und tranken. Der Wolf trank  weiter oben, das Lamm weiter unten. Als der Wolf das weiß flockige Lamm erblickte, hörte er auf zu trinken, lief zu ihm und sprach: „Warum trübst du mir das Wasser, dass ich nicht trinken kann?“

Das Lämmlein antwortete: „Wie kann ich dir das Wasser trüben? Du trinkst doch weiter oben. Viel eher könnte ich sagen, dass du mir das Wasser trübst.“

Der Wolf rief: „Wie? Du trübst mir das Wasser und fluchst und gibst mir noch dazu böse Worte!“

Das kleine Lamm entgegnete friedlich: „Ich fluche nicht.“

Der Wolf zeigte aber zornig seine Zähne und grollte: „Vor sechs Monaten  fluchte mir dein Vater, und nun tust du es! Du bist ganz wie dein Vater.“

„Wie kann ich etwas an Schuld tragen, dass mein Vater vor sechs Monaten getan hat“, verteidigte sich das Lamm, „damals war ich ja noch nicht geboren.“

Der Wolf aber, der entschlossen war, das kleine Lamm zu fressen, redete sich immer mehr in Wut: „Du bist es, der mir Wiesen und Äcker abgenagt und verdorben hat!“

„Wie ist das möglich“, sagte das Lamm, „ich habe doch noch keine Zähne!“

„Ha“, knurrte der Wolf und duckte sich, „finde nur so viele Ausreden, als du magst, es hilft dir nichts! Ich werde dich noch heute fressen!“

Und er sprang das unschuldige Lamm an und tötete es, um es zu fressen.

Martin Luther

 

                                

 

Die Moral der Geschichte: Der Mächtige hat immer Recht? Oder: Der Mächtige kann sein böses Vorhaben immer irgendwie rechtfertigen?

Habe auch was Wissenschaftliches gefunden: Dissonanzvorbeugung.  Der Wolf beugt einem schlechten Gewissen vor.

Aha.

Ein bisschen erinnert mich das an meine Vergangenheit:

„Du bist schuld, wenn ich mein Leben nicht so leben kann, wie ich möchte. Du bist schuld, weil du nicht den ganzen Tag durchhältst und dich mittags hinlegen musst. Du bist schuld … Und deshalb werde ich wütend, deshalb tobe ich rum, deshalb verletze ich … Ich kann nichts dafür, du bist schuld“

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