Depression und die Außenwirkung …

Ich war doch ein bisschen blauäugig.

Hatte ich doch gedacht, dass man nach der Geschichte mit Robert Enke, dem Torwart, der wegen seiner Depression seinen Leben ein Ende setzte, die Leute doch ein bisschen sensibliserter sind, dass die Diagnose „Depression“ nicht mehr in der Schmuddelecke liegt.
„Die Leute sich doch einfach mal ein bisschen zusammenreißen müssen“,
„Hat doch jeder mal ’ne Depri-Phase“,
bei geselligen Runden „Spaßverderber“ sind,
wenn man kein Lust mehr hat zu arbeiten, einfach einen auf „Macke“ macht und schon bekommt man die Erwerbsminderungsrente,
mit den Leuten schwer auszukommen ist, weil sie alles dunkelschwarz sehen,
soviele Stimmungsschwankungen haben und sie im besten Fall mitleidig beäugt werden,
ratlos ist, wie man denen begegnen soll.

Ja, und genau diese Erfahrungen mache ich immer wieder.
Ich hatte eine Phase, wo ich offen damit umgegangen bin.
Ja, ich bin an Depressionen erkrankt.
Ja, mir geht es deswegen oft nicht gut.
Ja, ich kann deshalb vieles nicht.
Ja, meine große Herausforderung ist es, meinen Alltag strukturiert zu bekommen, wenn ich das schaffe, geht es mir gut. Das ist mein Empfinden. Meine Umwelt sieht die Bewältigung des Alltags als etwas selbstverständliches an. Ich nicht. Mich kostet es viel Kraft.

Auf Grund meiner Erfahrungen, sage ich jetzt nichts mehr. Was aber auch zur Folge hat, dass man sich weiter zurückzieht, sich einigelt, dicht macht. Und damit hätten wir wieder die Spirale nach unten.

Neustes Beispiel:

Das große Enkelkind hatte Jugendweihe.
Bis zum Februar dieses Jahres wohnte die „Tochterfamilie“ in der gleichen Straße gegenüber.
Sie haben gebaut und sind weggezogen.
Weit weg.
Für mich öffentlich nicht mehr erreichbar.
Mit dieser Tatsache habe sich wirklich sehr zu knappern.

Unser Verhältnis war sehr eng.
Wir konnten uns sehr auf einander verlassen.
Waren immer gegenseitig füreinander da.
Ich immer dann, wenn eins oder beide Enkelkinder notfallmäßig zu betreuen war (wer Kinder hat, weiß, dass das sehr häufig ist)
Sie immer dann, wenn ich Hilfe bei den Dingen bräuchte, wo es mit Auto besser zu machen ist oder auch bei handwerklichen Sachen.

Nun sind sie weggezogen und jeder muss sehen, wie er die Lücke schließen kann.
Bei ihr ist es einfacher, weil besagte Enkelkinder nun schon 12 und 14 Jahre sind.
Und für mich schwerer, weil mitzunehmenden Alter mehr Hilfe benötige und durch die Depressionen auch klitzekleine Kleinigkeiten von mir oftmals als riesengroße Berge wahrgenommen werden.

Nun also diese Jugendweihe.

Nicht hier, sondern in Potsdam.
Für die allermeisten wäre das kein Problem. In die S-Bahn setzen oder eben Auto und fertig. Ganz einfach.
Nur für mich nicht.
Ich habe es vor mir her geschoben wie einen riesigen Berg, der immer größer wurde.
Schon allein die Fahrt dorthin ist für mich Würstchen anstrengend, dann die Feierstunde, dann noch ein nettes Kaffeetrinken.
Jedes für sich ist für mich schon Leistungsgrenze (nur für die Nichtwisser: ich hab nicht nur diesen Dachschaden „Depression“, sondern auch das Sjögren Syndrom mit ner ausgeprägten Leistungsinsuffizenz).
Das Hundeunterbringungproblem dazu.

Also Augen zu und durch, dachte ich.

Um 9 Uhr bin ich los, 11 Uhr in Potsdam, 11:30 Feierstunde und ich am Ende meiner Kräfte.
Zur Zeit äußerst sich das darin, dass ich ganz furchtbar anfange zu schwitzen und die Luftröhre brennt ganz doll.
Weiter Augen zu und durch 13:30 Uhr Kuchen, Kaffee oder Eis in einem nahe gelegenen Cafè.

Und ich schwitze so sehr, dass ich nur noch das Handtuch in der Hand habe. Oh, war mir das peinlich. Hochsommerliche Temperaturen waren es nicht, 24º, eigentlich perfekt. Und dick bin ich auch nicht, 55kg bei einer Größe von 160cm.

Und dann saß ich da, vor mir ein Stück Torte, nass geschwitzt, am liebsten im Boden verkriechend, und mit einem mal schoss mir der Gedanke durch den Kopf: Alle, aber auch alle waren mit Partner und Auto da. Ich allein, mit mir kämpfend, noch die gesamte Heimfahrt vor mir und mir schossen die Tränen in die Augen. Alle waren fröhlich und die meistens würden anschließend noch bei Tochter &Co. zu Hause nett grillen. Ich stand auf und lief hinaus. Ich wollte die Stimmung nicht verderben. Ich wollte nicht die Aufmerksamkeit auf mich ziehen, „die mit ihren Depressionen „… Ich setzte mich vor dem Raum auf einen Stuhl, mir ging es besch…., weinend wollte ich mich am liebsten in ein großes Loch verschwinden lassen. Bloß nicht weiter die Blicke der anderen ertragend.

Das Kaffeetrinken war beendet und einer nach dem anderen kam heraus. Und was soll ich sagen: Keiner, nicht einer, fragte mich, was los ist, warum ich da weinend hocke….

Ja, so ist das mit den Depressionen und der Außenwahrnehmung.

Man soll es nicht glauben, dann kam Gott oder wie auch immer man das nennen mag, mir zu Hilfe. Einer, der nicht mit zum Grillen eingeladen war, fragte mich, ob er mich mit nach Berlin nehmen kann …. Das war so nicht zu erwarten, denn normalerweise wohnt er in A.

Und so bin ich noch von Potsdam bis vor meine Haustüre gebracht worden. Ich war so froh, so dankbar. Nun brauchte ich nur noch meine Hunde wieder vom Hundesitter abholen.

Völlig fertig habe ich mich auf meine grüne Couch fallen lassen.

Auch die ganze Woche, vom Samstag bis heute hat keiner mich gefragt, was los war. Ich weiß nicht, was die anderen gedacht haben, ob es ein „wir-wissen-nicht-was-wir-tun-sollen“ war oder ein „jetzt-zieht-die-hier-auch-noch-ne-show-ab“ – keine Ahnung. Ich habe nichts mehr dazu gesagt. Warum sollte ich auch?

Aber zwei Dinge habe ich doch gelernt.

Zum einen, was meine derzeitigen Leistungsgrenzen sind und zum anderen, wenn gar nix mehr geht, kommt doch von irgendwoher doch Hilfe. Und wenn es „nur“ in Form eines Autos samt Fahrer ist. Ein großes fettes

Dankeschön.

*     *     *      *     *

8 Gedanken zu “Depression und die Außenwirkung …

  1. Hallo Weena.
    Mein Like gilt dem Dankeschön.
    Ich verstehe nicht warum deine Familie nicht mitfühlender ist. Sie wissen doch um deine Erkrankung. Kennen sie die Auswirkungen solch einer Krankheit nicht?
    Mir tut es leid für dich das da keiner ist der hinter den Kulissen schaut und reagiert.
    Ich hoffe dir geht es heute wieder einigermaßen.
    LG, Nati

  2. Du musst mit anderen reden.
    Deine Situation beleuchten und ins rechte Licht rücken.

    Jeder denkt nur für sich. Ist normal. Ist nicht besonders schlimm.

    Danke fürs Mitteilen 🙂

    • Ich mag aber nicht mit anderen darüber reden, weil ich eben nur schlechte Erfahrungen gemacht habe. Noch mehr Ablehnung muss ich nicht haben.

  3. Danke, dass Du da so offen drüber schreibst. Ich bin ja neu in Deinem Blog. Es kann ja auch sein, dass die anderen Gäste bloß nichts falsches sagen wollten. Wenn das mit Deinen Depressionen bekannt ist, irgendjemand was weiß drüber, vielleicht traut sich Keiner was zu sagen. Um bloß nichts falsches zu sagen. – Ich weiß, dass Depressionen schlimm sind. Es ist etwas, wo man fast nichts dagegen machen kann. Es ist einfach da. Alles Liebe Dir!

  4. Oh ich kann das sehr gut nachfühlen, welch Hürden schon die einzelnen Sachen sind (Fahrt, dann Feier usw.).
    Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass Dich keiner stören wollte, weil Du vielleicht mal ne Minute allein sein wolltest. Allerdings hätte man zumindest danach schon nachfragen können. Schade schade…

    • Hallo, ich freue mich, dass du es nachempfinden kannst. Bisher stoße ich immer auf: Ist doch keine Problem, man kommt doch mit den Öffis gut hin und zurück….
      Ansonsten habt ihr bestimmt alle recht, aber ich hab mich besch… gefühlt.

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