Die Geschichte zum Mittwoch

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Der Löwe und die Stiere

Eine zärtliche und enge Freundschaft verband vier junge kräftige Stiere. Ein Löwe, der in einem nahem Wald seinen Schlupfwinkel hatte, beobachtete aus sicherer Entfernung, und seine Begierde nach ihnen wuchs von Tag zu Tag.

„Vor diesen acht spitzen Hörnern“, sagte er sich aber, „müsste ich fliehen! Ja, diese vier Stiere könnten mich sogar töten, wenn sie sich gemeinsam angreifen. Aber ich weiß,was ich tun muss!“

Er verbarg sich am Rand der grünen, saftigen Wiese, auf der die Stiere weideten, und wartete geduldig, bis sich einer von den anderen ein wenig entfernte. Dann schlich der Löwe hin und flüsterte dem Stier zu: „Ah, du bist es, den die anderen drei verspotten!“

Dem nächsten Stier erzählte er: „Die anderen drei sind eifersüchtig auf dich, weil du größer und schöner bist als sie.“

Am Anfang hörten die Stiere nicht auf den Löwen, aber bald fingen sie an, sich gegenseitig zu misstrauen. Sie gingen nicht mehr gemeinsam auf die Weide, und nachts rückten sie voneinander ab. Das alles machte sie noch viel misstrauischer, und jeder dachte von den anderen: Sie warten auf eine Gelegenheit, mir etwas anzutun.

Als der Löwe schließlich die Nachricht verbreitete, die vier Stiere wollten sich gegenseitig bekämpfen, weil jeder der Stärkste sein und die anderen von der Weide verjagen wolle, da fielen sie einander sofort in heller Wut an. Bald sahen die vier prächtigen jungen Stiere nicht mehr prächtig aus. Sie schlugen mit ihren Hufen aufeinander ein und zerfetzten sich mit ihren Hörnern.

Als der Löwe einen von ihnen anfiel und fortschleppte, kamen die anderen ihren Gefährten nicht zu Hilfe. Der Löwe zerriss bald danach den zweiten, dann verschlang er den dritten, und auch der vierte Stier wurde einige Tage später, als der Löwe wieder hungrig, dessen Opfer.

Johann Gottfried von Herder

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Tja, so kriegt man Gruppen auseinander….

Funktioniert bei Menschen auch heute noch so.

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Die Geschichte zum Mittwoch

Ja, ja, ich weiß, heute ist schon Donnerstag. Aber ich lebe zur Zeit irgendwie außerhalb jedes Zeitgefühls…

Zu hoch hinaus

Ein Sperling flog zu einer Schafherde, setzte sich auf den Plankenzaun und betrachtete die Tiere, die fetten Widder, die Schafe mit den dicken Wollnacken und die kleinen, munteren Lämmer. Plötzlich stieß ein Adler herab, packte ein junges Lamm mit seinen Fängen und flog mit der Beute davon.

Der Sperling schlug aufgeregt mit den Flügeln und rief: „Was dieser kann, kann ich auch! Habe ich nicht auch Schwingen wie er? Kann ich nicht wie er durch die Luft fliegen?“

Und der kleine Sperling breitete seine Flügel aus und fühlte sich so mächtig und stark wie der Adler. Er beschloss, es dem königlichen Vogel gleichzutun.

„Aber ich will mir nicht ein kleines Lamm aussuchen wie dieser Räuber“, dachte er verächtlich,“sondern den stärksten und größten Widder.“

Er flatterte auf und suchte den fettesten Widder in der Schafherde.

Das Wollkleid des Widders war verfilzt und klebrig, denn dieser Widder pflegte sich immer in der nassen Erde und Dung zu wälzen. Als der Sperling sich auf dem Rücken des Tieres niedergelassen hatte, schlug er stolz mit seinen kleinen Flügeln und wollte wie der Adler mit seiner Beute in die Luft aufsteigen. Aber die verfilzte Wolle des Widders hielt ihn fest. Der Sperling mochte noch so sehr mit den Flügeln schlagen, seine schwachen Krallen verwickelten sich immer mehr im wolligen Schafsnacken.

Bei jener Herde aber wachte ein Hirte. Er hatte gesehen, wie der Adler das kleine Lamm geraubt hatte, und nun sah er, wie der Sperling es dem Raubvogel gleichtun wollte. Der Hirte wurde sehr zornig und eilte zu dem hilflosen Sperling, der gefangen auf den Rücken des Widders saß. Er packte den Sperling, riss ihm die Flügelfedern aus und band ihm die Füße mit einer Schnur zusammen. Dann brachte er den Sperling zu seinen Kindern.

„Wer ist das?“, fragte eines der Kinder. Der Hirte antwortete: „Das ist einer, der es einem Höheren gleichtun wollte und dadurch ins Verderben geriet.“

aus Tausend und eine Nacht

 

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Ohje, bei Vögeln ist das wohl klar, aber bei Menschen? Wer ist höher, wer niedriger?

 

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Die Geschichte zum Mittwoch

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Der Esel und der Fuchs

Ein Esel und ein Fuchs lebten seit langer Zeit zusammen, pflegten eine gute Freundschaft und gingen auch miteinander auf die Jagd.

Auf einem ihrer Streifzüge kam ihnen einmal ein Löwe in den Weg und der Fuchs fürchtete, er könne nicht mehr entfliehen. Da bediente er sich einer List und sprach mit künstlicher Freundlichkeit zum Löwen: „Ich fürchte mich nicht vor dir, großmütiger König! Kann ich dir aber mit dem Fleische meines engstirnigen Gefährten dienen, so will ich das gerne tun.“

Der Löwe versprach ihm Schonung, und der Fuchs führte den Eselin eine Grube, in der dieser sich fing.

Brüllend eilte nun der Löwe auf den Fuchs zu und ergriff ihn mit den Worten: „Der Esel ist mir gewiss, aber dich zerreiße ich wegen deiner Falschheit  zuerst.“

Der Verrat ist einem willkommen – aber den Verräter liebt man dennoch nicht.

Aesop

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Vielleicht ein bisschen weit hergeholt, aber mich erinnert diese Falschheit ein bissel an die heutige Nachricht in den Medien, dass die Rüstungsexporte  in der letzen GroKo um 45% gestiegen sind gegenüber der schwarz/gelben Regierung. (Was jetzt nicht heißen soll, ich fände eine zukünftige Jamaika-Regierung toll)

http://www.tagesschau.de/inland/ruestungsexporte-drittstaaten-101.html

War da noch vor Kurzem der Spruch: Wir müssen Fluchtursachen verhindern!

Und nun steht in dem Sondierungspapier: „Die Bundesregierung wird ab sofort keine Ausfuhren an Länder genehmigen, so lange diese am Jemen-Krieg beteiligt sind.“

Wie jetzt? Auf einmal? Und was ist jetzt mit dem Argument der Arbeitsplatzsicherung?

Noch eine 180 Grad Drehung?

Ich habe nicht viel Ahnung von Politik, aber den derzeitigen Zirkus muss man auch nicht verstehen.

„Vorwärts Genossen, wir gehen zurück“

Nungut, es sollte nur heißen, der Fuchs aus der Fabel ist nicht das einzige Wesen, das falsch spielt.

 

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Die Geschichte zum Mittwoch

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Der Affe und der Fuchs

„Nenne mir ein so geschicktes Tier, dem ich nicht nachahmen könnte!“, so prahlte der Affe gegen den Fuchs.

Der Fuchs aber antwortete: „Und du, nenne mir ein so geringschätziges Tier, dem es einfallen könnte, dir nachzuahmen.“

Gotthold Ephraim Lessing

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Und da stehe ich wieder auf dem Schlauch: Was will mir Lessing damit sagen???

Ein bisschen hin und her gegoogelt und folgende Antwort gefunden:

Das ist eine der kürzesten Fabeln von Lessing. Es gibt keine Schilderung der Situation. Die Fabel beginnt mit der Rede des Affen, dann folgt die Gegenrede des Fuchses mit seinem Vorwurf an die deutschen Dichter. Hier spricht eigentlich Lessing und äussert seinen Vorwurf gegen die zeitgenössischen deutschen Dichter. Dieser Vorwurf enthält auch die Moral der Fabel: Schuster bleib bei deinen Leisten! Dichte und schreibe wie ein deutscher Schriftsteller.
Der Affe stellt den Adel dar, der sich auffällig, wichtigtuerisch und angeberisch verhält. Er wird in einigen Fabeln dargestellt als komischer und lächerlicher Typ, der sich dem Hofherrn untertänig zeigen will. Könige und Fürsten kauften sich ja damals Menschen und Tiere aus fremden Ländern einfach zur Belustigung. 
Der Fuchs spielt den Vertreter des Volkes. Er versucht aufzuklären, auf Fehler hinzuweisen und besseres Verhalten zu lehren. 

Quelle: https: //e-hausaufgaben.de/Thema-205752-Lessing-Fabel-Der-Affe-und-der-Fuchs-Moral.php

Okay, klingt alles sehr verschult (logisch, wenn es von  einer Hausaufgabenseite ist) und nichts für Lieschen Müller mit ihren 60 Jahren.
Hat noch jemand eine andere Idee?

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Die Geschichte am Mittwoch

Der Hund und das Stück Fleisch

Ein großer Hund hatte einem kleinen, schwächlichen Hündchen ein großes, saftiges Stück Fleisch abgejagt. Er lief nun mit seiner Beute davon. Als  er über eine schmale Brücke lief, fiel zufällig sein Blick ins Wasser. Wie vom Blitz getroffen blieb er stehen, denn er sah unter sich einen Hund, der gierig seine Beute festhielt.

„Der kommt mir zur rechten Zeit, sagte der Hund auf der Brücke, „heute habe ich wirklich Glück. Sein Stück Fleische scheint noch größer zu sein als meins.“ Gefräßig stürzte sich der <Hund kopfüber in den Bach und biss nach dem Hund, den er von der Brücke aus gesehen hatte. Das Wasser spritze auf. Er ruderte wild im Bach umher und schaute sich nach allen Seiten um. Aber er konnte  den Hund mit dem noch größeren Stück Fleisch nicht mehr entdecken, er war verschwunden.

Da fiel dem Hund sein soeben erbeutetes, eigenes Stück ein. Und soviel er tauchte und suchte,es war und blieb verschwunden. In seiner Gier war ihm auch noch das Stück Fleisch, das er schon sicher gehabt hatte.

Aesop

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Manche kriegen eben den Hals nicht voll.

Das Fazit ist sehr schön: Vor lauter Gier hatte er dann letztendlich gar nix mehr.

Aber übertragen auf unsere menschliche Welt stimmt das oft dann nicht mehr. Die, die soviel haben und ihre Milliönchen horten, bekommen meist immer mehr.
Wie heißt es so schön: Der Teufel sch…. immer auf den größten Haufen.

Ob sie dann auch glücklicher sind in ihrem Run auf immer mehr, ist dahingestellt.
Denke ich …

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Die Geschichte zum Mittwoch #21

Warum Hund und Katze Feinde sind

Ein Mann und eine Frau besaßen einen goldenen Ring. Es war auch ein Glücksring, und wer ihn besaß, litt niemals Not. Dieser besondere Ring sah aber sehr unscheinbar aus, der Mann und die Frau kannten seine Kräfte nicht und verkauften ihn für wenig Geld.

Kaum aber hatten sie den Ring fortgegeben, als das Unglück begann.

Schließlich waren sie so arm geworden, dass sie nicht mehr wussten, was sie am nächsten Tag essen sollten.

„Seit der Ring fort ist, hat das Glück unser Haus verlassen“ seufzte der Mann.

Es muss ein Glücksring gewesen sein“, sagte die Frau, „hätten wir ihn doch niemals verkauft!“

Und sie sah traurig auf ihre beiden Haustiere, einen Hund und eine Katze, die mit ihnen Hunger leiden mussten.

Hund und Katze aber hatten die Worte der Menschen verstanden.

„Was sollen wir tun?, fragte die Katze.

„Unsere Herrin war immer gut zu uns“, sagte der Hund.

„und wir hatten stets genug zu essen“, schnurrte die Katze.

Die beiden saßen ratlos nebeneinander.

Schließlich sagte der Hund: „Wir wollen den Ring unserem Herrn und unserer Herrin wieder zurück bringen. “

„Aber er liegt wohlverwahrt bei seinem neuen Besitzer, in einem festen Schrank eingeschlossen“, sagte die Katze.

Ich weiß, was wir tun müssen“, meinte der Hund. „Fang du eine Maus und versprich ihr, sie am Leben zu lassen, wenn sie ein Loch in den Schrank nagt und den Ring heraus holt.“

Dieser Rat gefiel der Katze. Sie fing eine Maus, und mit der gefangenen Maus im Maul wanderten Hund und Katze zum neuen Besitzer des goldenen Rings.

Der Weg war weit und sie kamen zu einem großen Fluss. Als die Katze das Wasser sah, setzte sie sich niedergeschlagen ans Ufer, denn sie konnte nicht schwimmen.

Aber der Hund wusste wieder Rat.

„Spring auf meinen Rücken“, befahl er, “ ich will mit dir hinüberschwimmen.“

So geschah es.

Die Katze lief mit der Maus im Maul zum Haus, in dem der Schrank mit dem Ring stand.

„Wenn du nicht willst, dass ich dich fresse“, sagte die Katze zu der Maus, „so nage geschwind ein Loch in die Schranktür und bring mir den Ring, der darin liegt.“

Die Maus nagte eifrig, schlüpfte durch das Loch und kam mit dem Ring wieder heraus. Nun nahm die Katze den Ring ins Maul und lief zurück zum Fluss. Der Hund hatte dort auf sie gewartet, sie sprang auf seinen Rücken, und er trug sie über den Strom.

Vergnügt und fröhlich wanderten sie weiter in Richtung Heimat.

Die Katze war so ungeduldig, dass sie über alle Zäune sprang, über die Dächer kletterte und den Hund weit zurück ließ, der um jedes Haus und um jeden Garten einen Bogen machen musste.

So kam die Katze früher heim als der Hund, lief zu der Herrin und legte ihr den Ring in den Schoß.

„Sieh“, rief die Frau ihrem Mann zu, „unsere Katze hat den Glücksring zurückgebracht! Das gute Tier! Wir wollen ihr immer genug zu fressen geben und sie pflegen wie unser eigenes Kind.“

Nach einiger Zeit kam auch der Hund, müde und staubbedeckt vom weitem Weg.

„Du achtloses Tier!“, rief die Frau. „Wo hast du dich herumgetrieben? Warum hast du der treuen Katze nicht geholfen, die uns den Glücksring zurückgebracht hat?“

Sie schalt und schlug ihn, und die Katze saß beim Herd, schnurrte und sagte kein Wort.

Da wurde der Hund böse auf die Katze, und er vergaß niemals, dass sie ihn um seinen Lohn betrogen hatte.

Seit jener Zeit sind Hund und Katze einander feind.

aus China

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Tja, so sind sie, die Frauen …

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Die Geschichte zum Mittwoch #20

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Der blinde Maulwurf

An einem schönen Abend, an dem  der Mond weiß und rund am Himmel hing, spielten einige Kaninchen auf einer Wiese Blinde Kuh. „Kaninchen und Blinde Kuh! Das ist doch ganz und gar unmöglich!“, wird nun jedermann ausrufen. „Aber warum“, frage ich, „sollte es nicht unmöglich sein?“

Die Kaninchen pflückten ein weiches, langes Blatt, legten es einem Kaninchen in ihrer Gruppe über die Augen und banden es in seinem Nacken fest. Das war im Nu geschehen, und schon hoppelte das Kaninchen mit der Binde über den Augen im Kreis seiner Kameraden. Die anderen tanzten und hüpften um den blinden Gefährten herum und vollführten wahre Wunder an Geschicklichkeit: Sie hüpften von ihm weg, sie hüpften zu ihm, sie zupftem es an den Ohren, sie zupften es an seinem weißen Schwanzbuschel.

Das arme, blinde Kaninchen mochte sich noch so schnell herumdrehen, noch so blitzschnell seine Pfoten ausstrecken, die anderen waren schon wieder fort, und nichts als Luft fing es in seinen Pfoten.

Es hätte sicherlich bis zum Morgen niemanden gefangen, wen nicht ein dummer Maulwurf in seiner Erdwohnung den Lärm gehört hätte.

Der Maulwurf steckte seinen Kopf aus seinem Loch, kroch heraus und spielte mit. Im nächsten Augenblick war er schon gefangen, blind und langsam und tollpatschig, wie er war.

„Freunde“, sagten da die Kaninchen, „es wäre nicht nett von uns, wenn wir unserem Bruder die Augen verbinden würden. Er kann nicht sehen, wir wollen ihn wieder frei lassen.“

„Auf keinem Fall“, rief da der Maulwurf ärgerlich. „Ich bin nach den Regeln des Spiels gefangen worden. Legt mir die Binde über die Augen!“

Nur zu gern, mein Lieber“, war die Antwort, aber es wird nicht nötig sein, den Knoten fest zu binden.“

„Entschuldigen Sie, meine Herren“, antwortete der Maulwurf aufgebracht. „Bindet den Knoten fester – ich  kann noch sehen! Fester meine Herren, ich kann immer noch sehen, fester!“

Florian

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Als ich diese Geschichte gelesen hatte, habe ich ganz verdutzt das Buch hin und her gewendet, geschaut, ob ich nicht eine Seite übersehen habe.
Nö.
Die Geschichte ist hier zu Ende.

Nun schaue ich aber ganz schön doof aus meiner Wäsche.
Was soll jetzt die Moral der Geschichte sein?

Zuerst dachte ich, der arme Maulwurf will nur gleichberechtigt am Spiel teilnehmen.
Jetzt sind ja solche Modewörter wie Inklusion oder Teilhabe in unserem Sprachgebrauch, aber davon konnte ja der Herr Florian noch nix gewusst haben.
(Hab nachgeschaut, er lebte 1755-1788)

Ich weiß nicht, woran es jetzt liegt, an meinem verschnupften Kopf, an der mangelnden Konzentration in Folge der Depression, meines fortgeschrittenen Alters oder einfach nur, weil ich zu blöd bin.

Aber vielleicht weiß ja jemand, wie nun die Moral der Geschichte ist?
Ich fände es super, wenn wir das in den Kommentaren aufgedröslt bekämen.

 

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Die Geschichte zum Mittwoch

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Der Mäuserich als Freier

Einst hielt sich ein junger Mäuseherr für schöner und klüger als seine ganze Verwandschaft. Er beschloss daher, auf keinen Fall eine Maus in sein Nest zu führen, sondern nur die Tochter des mächtigsten  Wesen auf der Erde.

„Gewiss gibt es niemand, der stärker als die Sonne ist“, dachte der Mäuseherr, und so ging er zur Sonne und bat sie um ihre Tochter.

Aber die Sonne antwortete ihm: „Geh nur weiter, und du wirst jemand finden, der stärker ist als ich.“

„Wer könnte das sein?“, staunte der Mäuserich.

„Die Wolke“, antwortete die Sonne. „Wenn mich die Sonne verhüllt, so nützt mir mein Licht nichts, und es bleibt auf der Erde düster.“

Der Mäuserich ging daher zur Wolke und sagte: „Da du so gewaltig bist, dass selbst die Sonne nur scheinen kann, wenn du sie nicht verhüllst, so bitte ich dich, gib mir deine Tochter zur Frau, denn ich will nur die Tochter des mächtigsten Wesens auf der Erde als meine als meine Gattin heimführen-“

„Geh weiter“ riet ihm die Wolke, „denn es gibt jemand, der mächtiger ist als ich.“

Wieder staunt der Mäuserich: „Wer könnte das sein, starke Wolke?“

„Der Wind“, flüsterte die Wolke, „er nimmt mich mit seinen gewaltigen Armen und trägt mich, wohin er will.“

„Dann“, sagte der Mäuserich, „will ich zum Wind gehen.“

Der Mäuseherr ging also zum Wind.

„Die Wolke hat mich belehrt“, sagte er, „dass du das gewaltigste Wesen auf der Erde bist. Du trägst sie, wohin du willst, zerstörst und zerteilst sie ganz nach deinem Willen.“

Der Wind war gerade von einer Reise rund um die Erde zurückgekehrt. Er hatte die Meereswellen haushoch getürmt, er hatte die hohen Bäume des Waldes geschüttelt und ein paar entwurzelt, er hatte Dächer abgetragen und die Wäsche von den Leinen der Bauersfrauen gerissen. Aber als er gerade am allerübermütigsten getobt hatte, war er auf einen alten Turm gestoßen, dem er bei besten Willen auch nicht das kleinste Steinchen aus der Mauer hatte reißen können, so fest war dieser Turm gefügt.

„Du irrst dich!“, brauste er daher auf, als ihn der Mäuserich als den Mächtigsten der Erde bezeichnete „Hier erhältst du keine Frau! Sieh hinunter auf diesen alten Turm. Er ist stärker als ich. Er stellt sich unbekümmert meiner Gewalt entgegen. Er wankt nicht und steht da, als ob es mich gar nicht gäbe.“

Der Mäuserich antwortete flink: „Von deiner Tochter will ich nichts mehr wissen. Ich muss die Tochter des mächtigsten Wesens erhalten, und das scheint mir dieser Turm zu sein.“

Er wandte sich also an den Turm und bat ihn um seine Tochter. Der Turm schaute prüfend von oben bis unten an und ächzte dann: „Du bist fehlgegangen!  Es gibt jemand, der stärker ist als ich, er wird mich noch zu Fall bringen, und ich bin machtlos gegen ihn.“

Wer könnte das sein?“, fragte der Mäuserich überaus erstaunt.

„Das ist“, antwortete der Turm, „die Maus!“

„Jetzt willst du mich wohl verspotten?!“, rief der Mäuserich zornig.

„Keineswegs“, erwiderte der Turm ernst. „Tritt zu mir und sieh selbst! Eine Maus hat unter mir ihr Nest. Mein Mauerwerk ist nicht stark genug, sie aufzuhalten. Sie gräbt unter mir und frisst sich durch mich hindurch, und ich, der große Turm, bin hilflos dieser Maus gegenüber.“

„Das sind schlimme Neuigkeiten“, sagte der Mäuserich. „Die Maus ist ja meine  Verwandte!“

Und der Mäuserich wurde außerordentlich traurig und niedergeschlagen, als er sah, dass ihn seine Suche zurück in den Kreis seiner Familie geführt hatte.

„Ich wollte höher steigen, und nun muss ich zu meiner Art zurückkehren“, sagte er betrübt.

„Das ist dein Schicksal“; antwortete der Turm und fuhr tröstend fort: „Geh heim und lerne, jene nicht zu verachten, zu denen du gehörst. Du wirst nie eine Frau finden, die besser zu dir passt als eine kleine Maus!“

 

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Was soll man dazu sagen? Schuster bleib bei deinem Leisten …

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Die Geschichte zum Mittwoch

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Der Hirtenjunge und der Wolf

Es war einmal ein Hirtenjunge, der hütete jeden Tag eine Schafherde. Jeden Morgen holte er die Tiere von ihren Besitzern ab und trieb sie in die Berge, wo die Schafe frisches Gras fressen sollten. Und an jeden Abend brachte der Junge die Schafe wieder zurück ins Dorf. Doch manchmal langweilte sich der Hirtenjunge, weil er den ganzen langen Tag nichts anderes sah, als nur Schafe.

Daher wollte er sich einmal einen Spaß erlauben und rief: „Der Wolf! Der Wolf! Der Wolf will sich ein Schaf holen!“

Da kamen die Leute mit ihren Mistgabeln und Dreschflegeln aus dem Dorf gelaufen, um dem Wolf zu verjagen. Doch es war gar kein Wolf da! Der Hirtenjunge musste über seinen Streich und die verdutzten  Gesichter der Bauern herzlich lachen. Die Bauern fanden es nicht lustig.

Dem Jungen gefiel sein Streich so gut, dass er ihn nach einigen Tagen wiederholte. Und wieder rief er: „Der Wolf! Der Wolf will sich ein Schaf holen!“

Wieder kamen alle Bewohner des Dorfes gerannt, um den Wolf zu verscheuchen, doch es war kein Wolf zu sehen.

Eines Abends, als sich der Hirtenjunge mit den Schafen auf den Heimweg  machen wollte, kam wirklich ein Wolf.

Der Junge schrie voller Angst: „Der Wolf! Der Wolf will eines der Schafe holen!“ Doch diesmal kam nicht ein einziger Bauer, um ihm zu helfen. Und so trieb der Wolf die Schafe in die Berge und fraß sie alle auf. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!

Aesop

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Tja, das ist dann wohl selbstredend und braucht meinen Senf dazu nicht, auch wenn ich dazu viele Beispiele aus meinen ach so langen Leben dazu fügen könnte. Wenn das Vertrauen weg ist, isses weg.

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Die Geschichte zum Mittwoch #17

Ameisendank

An einem heißen Sommertag eilte eine durstige Ameise zu einem Brunnen und krabbelte eilig über die Randsteine. Als sie aber das Wasser erreichte und trinken  wollte, verlor sie das Gleichgewicht und stürzte kopfüber in den Brunnen hinein. Sie strampelte verzweifelt mit den Beinen, aber da brachte sie dem Randstein nicht näher.

Der Brunnen wurde von einem hohen Baum überschattet, in dem eine Taube saß. Sie sah die Ameise sich vergeblich im Wasser abmühen, brach mit ihrem Schnabel einen dünnen Zweig ab und warf ihn der Ameise im Wasser zu. Die Ameise krabbelte auf den Zweig, vom Zweig auf den Brunnenrand und von dort mühelos aus den Brunnen heraus.

Die Taube steckte den Kopf unter die Flügel, um weiter in der Hitze zu dösen, und sah nicht, dass ein Vogelfänger zum Brunnen kam. Der Vogelfänger entdeckte die Taube oben im Baum, steckte seine Kleberute an einen lange Stange und wollte sie fangen. Als die Ameise das bemerkte, biss sie den Vogelfänger in den nackten Fuß. Der Vogelfänger zuckte zusammen, und die Stange fiel klappernd aus seiner Hand auf die Brunnensteine. Der Lärm weckte die Taube auf, sie breitete schnell die Flügel aus und flog davon.

So rettete zuerst die Taube der Ameise das Leben, und dann bewahrte die Ameise die Taube vor dem Tod. Und diese Geschichte erzählt man sich, damit der Mensch, der vernünftiger ist als die Tiere, nie vergessen möge, Gutes mit Gutem zu vergelten.

Heinrich Steinhoed

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Und sofort schoss mir mein Lieblingsthema wieder in den Kopf: Das Dankesagen.

Wie oft sagen wir danke für etwas?
Ja gut, wenn wir etwas geschenkt bekommen oder jemand etwas außergewöhnliches für uns tut.
Aber oftmals auch nicht mal da, weil wir meinen, der andere müsse das für uns tun, das wäre doch seine Pflicht.
Oder weil er ja dafür bezahlt wird.

In diesem Zusammenhang fällt mir die Geschichte aus der Bibel ein, wo Jesus 10 Samaritern (also die, die die Juden nicht mögen) half gesund zu werden.
Aber nur ein einziger kam zurück und bedankte sich.
Vielleicht weil die anderen es für selbstverständlich hielten?

Und wir?
Halten wir auch alles für selbstverständlich, was Gott für uns tut?
Wir meckern doch nur, wenn wir denken, Gott müsste doch endlich hier und da mal eingreifen.

Nee, muss er nicht.
Er ist der Souverän, er muss schon mal gar nicht und auch uns keine Rechenschaft ablegen, wann er was zu welcher Zeit den zu tun gedenkt.
Er ist Gott.
Nicht wir.
Wir haben im Vergleich nur den Verstand einer Ameise, um die Geschichte hier wieder zum Anfang zu bringen.

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