Blitzlicht #20

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Unter der Kategorie „Blitzlicht“ schreibe ich  nach jeder Therapiestunde, einen Gedanken, eine Situation, einen Satz oder irgendetwas, was mir „danach“  noch im Kopf herumgeistert und ein Ventil braucht.
Es ist die Therapie, auf die ich solange gewartet habe, weil ich glaube, dass sie mir hilft, mit der Diagnose „Depression“ vernünftig umzugehen und gro bevor mich dße Abstürze in kleine verwandelt.

Und wieder bin ich nach der gestrigen Therapiestunde irgendwie getröstet nach Hause gefahren.
Er schafft es immer wieder.
Zuerst haben wir den Zettelkram für die Beantragung weiterer Therapiestunden für die Krankenkasse fertig gemacht, dann besprochen, was mich die letzten Tage so heruntergezogen hat.
Und dann kam etwas ganz wichtiges für mich.

Plötzlich, ohne das ich es vor hatte, habe ich ihm erzählt, wie ich vorher war, bevor mich die Depression so sehr in den Griff genommen hat.
Ja, ich gehöre zu den schwächlicheren Menschen auf diesen Planeten, als extremes Frühchen auf diese Welt gekommen und seit nun schon Jahrzehnten mit einer doofen chronischen Krankheit gut beschäftigt.
Aber ich hatte das angenommen.
Ich fand mich okay.
Wenn ich in diesen Grenzen mich bewegte, war alles gut, ja, ich haderte mit nichts.
Selbst als mein Mann 2009 starb, habe ich die ganze Palette der Trauerphasen durchlitten, war aber keineswegs depressiv.
Ich nahm das Leben einfach so, wie es nunmal war.
Das ist gefühlte Ewigkeiten her.

Und jetzt?
Jetzt ist mir alles Last, alles zuviel, viel zuviel.
Es ist wie ein Schwimmen in Sirup, alles unheimlich mühsam und zäh.
Fühle mich ausgegrenzt, einsam.
Glaube, dass man mich meidet, nichts mit mir zu tun haben möchte.
Habe immerzu im Hinterkopf, dass, wenn ich einfach keine Kraft mehr habe, mein Leben ein Ende setzen könnte.
Klitzekleine Problemchen werden für mich zu riesengroßen Bergen, jede auch noch so kleine Veränderung macht mir Angst, dass ich sie nicht bewältigen könnte.
Am liebsten würde ich Menschen meiden, meine Telefone stehen beide seit Monaten auf lautlos, damit ich nicht rangehen muss, wenn es klingelt.
Jederzeit kann mich irgendein Nebensatz von irgendjemand triggern und mich derart aus dem Gleichgewicht bringen, dass der Boden unter mir wankt, dass ich stürze. Für Außenstehende einfach nicht zu verstehen.
Ich kann mich nur ganz schwer konzentrieren, ein Buch lesen geht gar nicht.
Ich bin so sehr vergesslich geworden, dass ich schon panische Angst habe, dass es Alzheimer sein kann.
Wortfindungsstörung, ich kann momentan kaum einen Satz ordentlich sprechen, sagen, was ich meine. Es ist einfach weg.
Hachja, ich könnte noch so manches hinzufügen.

Ich habe ihn (den Therapeuten) gefragt, warum ist das so?
Warum kann man sich derart ändern?
Er hat es mir erklärt, dieses kognitive Dingsda, was einfach eine Störung der Wahrnehmung ist, was es mit mir gemacht hat und macht.

Aber: Er arbeitet mit mir, dass ich wieder lerne, die Außenreize richtig wahrzunehmen, dass sie mich nicht mehr so plötzlich runterziehen.
Ziel ist die alte Weena, die von früher.
Und er hat mir Mut gemacht, mir von niemanden einreden zu lassen, dass ich schlecht oder doof bin, sondern dass es diese Krankheit ist, dass ich mich nicht schämen muss für meine Gefühle. Weil, auch wenn die Realität eine andere ist, ich es aber so fühle, und für mich ist das die Realität.

Alle ihr da draußen, die dieses hier lesen und Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen haben, die an Depressionen erkrankt sind (und ich meine nicht die depressive Verstimmung, die wohl jeder kennt), lasst sie nicht allein. Auch wenn ihr sie nicht versteht, hört zu, nehmt sie in den Arm. Einfach da sein.
Denn schwere Depressionen sind eine Krankheit, die tödlich enden kann.
Jedes Jahr sterben 10.000 Leute daran.

Oh man, es sollte nicht so ein düsterer Beitrag werden.

Eigentlich wollte ich schreiben, dass es mir gut tat, diese Stunde beim Therapeuten, ich mich verstanden  fühle und gut aufgehoben. Deshalb nochmal ein dickes

DANKESCHÖN

 

Smilie   Smilie   Smilie

 

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