Blitzlicht #14

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Unter der Kategorie „Blitzlicht“ schreibe ich  nach jeder Therapiestunde, einen Gedanken, eine Situation, einen Satz oder irgendetwas, was mir „danach“  noch im Kopf herumgeistert und ein Ventil braucht.
Es ist die Therapie, auf die ich solange gewartet habe, weil ich glaube, dass sie mir hilft, mit der Diagnose „Depression“ vernünftig umzugehen und große Abstürze in kleine verwandelt.

Gestern Nachmittag war ich wieder „drüben“.
„Drüben“ heißt über die Straße.
Dort wo meine Tochter mit ihrer Familie nun noch 13 Tage wohnt.
Noch 13 Tage, dann sind sie weg und ich weiß nicht, wann ich sie wieder sehen werde.

Nein, sie bevölkern nicht den Mars.
Aber für mich ist es mars-ähnlich in dem Sinne, dass sie für mich mit 2 Hunden mit den Öffis nicht zu erreichen ist.

Und es war so ganz anders geplant. Ich hier in der kleinen Wohnung, sie gegenüber, immer als Sicherheit im Kopf, falls der andere Hilfe benötigt. So wie im vergangenen Jahr mit meinem doppelten Beckenbruch.

So die Idee, so die Absprache.
Und falls Hausbau, dann mit Einliegerwohnung für mich.Das war klar.

Und nun?
Nun ziehen sie weg. Und ich trage schwer damit.
Sie weiß es.

Mittlerweile kann ich zu hören, wenn sie von Wandfarbe reden oder wo der Kamin hin soll, dass eines der Kinderzimmer nur noch 8qm groß ist und die Küche nur aus Unterteilen besteht, weil das Geld für Hängeschränke fehlt.
Ich kann das alles hören, ohne in Tränen auszubrechen.

Aber wenn ich dann wieder in meiner kleinen Wohnung bin, dann bricht es über mir zusammen.

Ja, ich weiß, dass das für Außenstehende schwer verständlich ist.

Im Kopf ist mir auch alles klar, aber wenn man mitten in Depressionen steckt, Psycho-Pillen schluckt und gerade eine Psychotherapie macht, dann sind solche Ereignisse das pure Gift, dann zieht einen das wieder ins Bodenlose.
Dann kann man damit nicht umgehen.
Gar nicht.
Da hilft kein „Reiß dich zusammen, das ist der Lauf der Welt“, „Hab dich nicht so, es gibt wirklich Schlimmeres.“
Weiß ich, hilft aber nicht.
Schafft man nicht. Schaffe ICH nicht.

Das erinnert mich an eine Frau aus der Selbsthilfegruppe. Sie hat ein Grundstück von 3000qm und muss nun nach einer neuen Vermessung 200qm an den Nachbarn abgeben. Sie braucht die 200qm nicht, es ist nur ein kleiner Streifen. Und trotzdem ist es für sie so schlimm, dass sie nur aufgelöst und weinend in der Gruppe sitzt.

Depressionen haben nichts mit den objektiven Dingen zu tun.
Gar nichts.

Das vegetative Nervensystem spielt verrückt, es ist nicht zu kontrollieren.

*     *      *     *

Und heute hat ich wieder eine Therapiestunde.
Natürlich war das wieder DAS Thema, MEIN Thema.
Und wieder fand mein Therapeut Worte, die mich aufgerichtet haben, nachdem ich all das, worüber ich mir Sorgen mache, ihm vor die Füße geworfen habe.
Er trifft es bei mir immer auf DEN Punkt, dass ich wieder zuversichtlich seine Räume verlasse.

Nein, es ist nicht allein sein Uni-Wissen, sondern auch seine menschliche Erfahrung und im konkreten Fall haben seine Kinder vor einem dreiviertel Jahr genau das gleiche gemacht.

Ich war also willkommen im Club.

DANKE Herr M.!

 

*     *     *      *      *

 

2 Gedanken zu “Blitzlicht #14

  1. Hallo Weena, ich kann Deinen Kummer sehr gut nachvollziehen. Es gibt sicher auch keinen Trost, denn es tut weh, wenn die Kinder gehen und ihr eigenes Leben führen. Ich habe selbst erlebt, wie schwer das ist, auch wenn es immer mein Ziel war, dass die Kinder selbständig werden und sich lösen. Darum hatte es bei uns auch nie Absprachen gegeben, dass wir zusammen wohnen werden. Ich wollte meine Kinder aus meinen Problemen (Scheidung, Angststörung, Erwerbsminderungsrente) so weit wie möglich heraushalten. Na ja, mir ist das vielleicht ein bißchen zu gut „geglückt“ und ich würde es sehr genießen, wenn sie in meiner Nähe wohnen und wir uns öfter sehen würden. Auch wenn sie weit weg sind, fühle ich mich ihnen verbunden und sie sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Wenn ich Hilfe brauche, sind sie da, wenn ich sie darum bitte. Umgekehrt gilt das natürlich auch. Wenn Deine Familie an einem anderen Ort wohnen wird, wird sich das gute Verhältnis zu Dir wahrscheinlich nicht verändern. Ihr seht Euch nicht so oft, aber sie sind ja doch immer noch da. Warum schreibe ich Dir das? Ich vermute, es wird Dir nicht weiterhelfen. Vielleicht wollte ich Dir ein wenig Mut machen in schweren Zeiten. Und Du bist damit nicht allein! Liebe Grüße! Regine

    • Danke liebe Regine, für deine tröstenden Worte. Die „Abnabelungsphase“ hatte ich keine Probleme. Mittlerweile ist sie ja nun fast 20 Jahre aus dem Haus.
      Und jetzt, wo es mir oft auch psychisch schlecht geht, hätte ich mir gewünscht, dass sie für mich erreichbar bleibt. Für den Notfall.
      Ich werde ja sehen, wie sich alles entwickelt. *Seufz*

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