Die Geschichte zum Mittwoch

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Die Schildkröte im Schlamm

Der Kaiser von China hörte von der Weisheit eines Eremiten, der in den Bergen im Norden lebte.
Er schickte Boten zu ihm, die ihm das Amt des Premierministers in seinem Reich antragen sollten.
Die kaiserlichen Gesandten waren tagelang unterwegs, ehe sie die Eremitenklause erreichten.
Den Eremiten fanden sie halbnackt auf einen Felsen sitzen beim Fischen.
Zuerst bezweifelten sie, dass das der Mann sein sollte, von dem der Kaiser so große Stücke hielt, aber Erkundigungen im nächsten Dorf ergaben, dass er es tatsächlich war.
So riefen sie ihn vom Ufer aus höflich an.

Der Eremit watete ans Ufer, nahm die reichen Geschenke der Gesandten entgegen und vernahm ihr seltsames Begehren.
Als ihm schließlich klar wurde, dass der Kaiser ihn, den Eremiten, zum Premierminister des Reiches machen wollte, warf er den Kopf zurück und brüllte vor Lachen.
Als er sich schließlich beruhigt hatte, sagte er zu den bestürzten Gesandten: „Seht ihr diese Schildkröte hier, wie sie im Schmutz mit ihren Schwanz wippt?“

„Ja, geehrter Herr“, sagten die Abgesandten.

„Nun sagt mir, stimmt es, dass sich der kaiserliche Haushalt jeden Tag in der Palastkapelle versammelt und eine ausgestopfte Schildkröte verehrt, die sich in einem Schrein über den Hauptaltar befindet, eine göttliche Schildkröte, deren Rückenschild mit Diamanten, Rubinen und anderen Edelsteinen inkrustiert ist?“

„So ist es in der Tat, geehrter Herr“, sagten  die Abgesagten.

„Glaubt ihr wohl, dass dieser kleine Bursche hier, der im Schmutz mit seinem Schwanz wackelt, den Platz mit der göttlichen Schildkröte tauschen würde?“

„Nein, verehrter Herr“, sagten die Gesandten.

„Dann geht und sagt dem Kaiser, dass auch ich das nicht will.
Ich möchte lieber lebendig in diesen Bergen als tot in seinem Palast sein.
Niemand kann in einem Palast wohnen und lebendig bleiben.“

(Quelle: 365 Geschichten, die gut tun von Anthony de Mello)

 

                                  

 

PS: Heißt das jetzt: Lieber Hartz IV als den Job von Frau Merkel?

 

 

2 Gedanken zu “Die Geschichte zum Mittwoch

  1. Dein P.s. ist witzig! Musste echt lachen. Aber den Platz von Frau Merkel möchte ich nicht haben. Hast du mal beobachtet wie schnell unsere Kanzler/ in altern?

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