Die Geschichte zum Mittwoch

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Die drei Söhne

Drei Frauen standen am Brunnen, um Wasser zu holen. Nicht weit davon entfernt saß ein Greis und hörte, wie sie ihre Söhne lobten.

„Mein Sohn“, sagte die erste, „ist ein geschickter und wendiger Junge.Er übertrifft an Behendigkeit alle Knaben im Dorf.“

„Mein Sohn“, meinte die zweite, „hat die Stimme einer Nachtigall. Wenn er singt, schweigen alle Leute und bewundern ihn. Er wird einmal ein großer Sänger werden.“

Die dritte Frau schwieg.

„Warum sagst du denn gar nichts?“ fragten die anderen.

„Ich wüsste nichts, womit ich ihn loben könnte“, entgegnete diese. „Mein Sohn ist ein gewöhnlicher Junge und hat nichts Besonderes an sich. Aber ich hoffe, er wird einmal im Leben seinen Mann stehen.“

Die Frauen füllten ihre Eimer und machten sich auf den Heimweg.

Der Greis ging langsam hinter ihnen her.

Er sah, wie hart es sie ankam, die schweren Gefäße zu tragen, und wunderte sich nicht darüber, dass sie nach einer Weile ihre Last absetzten, um ein wenig zu verschnaufen.

Da kamen ihnen drei Knaben entgegen.

Der erste stellte sich auf die Hände und schlug Rad um Rad.

„Welch ein geschickter Junge!“ riefen die Frauen.

Der zweite stimmte ein Lied an, und die Frauen lauschten ihm mit Tränen in den Augen.

Der dritte Junge lief zu seiner Mutter, ergriff wortlos die beiden Eimer und trugen sie heim.

Die Frauen wandten sich an den Greis und fragten: „Was sagst du zu unseren Söhnen?“

„Eure Söhne?“ entgegnete der Greis verwundert, „ich habe nur einen einzigen Sohn gesehen!“

(Leo N. Tolstoi)

Quelle: Axel Kühner „Überlebensgeschichten“, S. 175

 

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