Blitzlicht #3

Unter der Kategorie „Blitzlicht“ schreibe ich  nach jeder Therapiestunde, einen Gedanken, eine Situation, einen Satz oder irgendetwas, was mir „danach“  noch im Kopf herumgeistert und ein Ventil braucht.
Es ist die Therapie, auf die ich solange gewartet habe, weil ich glaube, dass sie mir hilft, mit der Diagnose „Depression“ vernünftig umzugehen und große Abstürze in kleine verwandelt.

Das letzte Mal hatte mir Herr M. vier Fragebögen zum Ausfüllen mitgegeben.
Drei davon sind Kreuzchen-Mach-Bögen und einer, in dem man selbst die Fragen formuliert.
Letzter war mehr die Biografie, die drei anderen der gegenwärtige Zustand.
Alles in allem sehr umfangreich, ich habe bestimmt 4 Stunden daran gesessen.

Heute die Auswertung.
Lauter Zahlen, Diagramme, Punkte.
Alles erklärt, erläutert, nachgefragt.

Wichtigste Aussage war, dass ich anhand der ganzen Pünktchen, eine SCHWERE Depression habe. (Alles, was oberhalb von 27 liegt, ist „schwer“, ich habe 33)

Das hat mich erschreckt.
Ich dachte, da bin ich durch, ich habe die schlimmen Tage hinter mir…
Das ist die Erkenntnis, die ich heute aus der Stunde mitnehme.
Nicht viel, ich weiß, aber ich sehe auch ein, dass ich für den Therapeuten ein fremdes Menschlein bin und er sich einen Überblick verschaffen muss, worauf er sich einlässt.

Drei Punkte waren es, die behandlungsbedürftig seien:
die Depression, die Sozialkontakte und (Ganz, ganz, ganz neu für mich und nicht für mich erkenntbar), ZWANGSSTÖRUNG.
Huch, was ist denn das?
Nun ja,nachdem das alles besprochen und bepunktet wurde, geht es das nächste Mal hoffentlich ans Arbeiten.

Eigentlich wollte ich bei dem „Blitzlicht“ nur 1,2 oder 3 Sätze schreiben, eben wie ein Blitz.
Dann hieße der Blitz:

Auswertung Fragebögen, Ergebnis: schwere Depression, sozial gestört und unter Zwangshandlungen leidend.

Klingt das nicht furchtbar?
Das soll ich sein?
Wer will denn mit so einem Menschen etwas zu tun haben wollen?
So kurz auf den Punkt gebracht, zieht es mich noch mehr runter.
Hm.

Ich dachte: die schwere Phase der Depression ist vorbei, ich gehe in die Selbsthilfegruppe, ab und zu zum Offenen Treff und in die Frauengruppe (gut persönliche Kontakte haben sich da bisher noch nicht entwickelt) und Zwangstörungen? Ich gehe mich doch nicht 3x täglich duschen oder knabbere an meinen Fingernägeln? Ich habe auch keinen Putz- und Ordnungsfimmel.

Aber gut, ich werde sehen, wie es weitergeht.

 

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20 Gedanken zu “Blitzlicht #3

  1. Also ich bin ziemlich verwundert, dass der Therapeut Dich mit diesen Diagnosen so allein im Regen stehen lässt- geradezu unprofessionell…

    Und ja – mit Dir möchte nun niemand mehr etwas zu tun haben 😉
    Mach Dich nicht fertig, Du bist auf einem sehr guten Weg und den gehst Du doch auch ganz prima. Sei stolz auf Dich und auf das, was Du bereits geschafft und auch geschaffen hast.
    Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen
    Alles Gute Dir
    Beate

    • Ich danke dir, das habe ich gebraucht. Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen …

      Eigentlich sagt es mir, dass ich noch lange nicht stabil bin, wenn mich soetwas gleich aus den Schuhen kippt.
      Also weiter mit MEINER Therapie, suchen, was mir Freude macht und das auch tun.

      Ein großes Dankeschön an dich!

  2. Wenn etwas (z B eine Erkrankung) viel Zeit benötigt, um sich zu zeigen, dann ist es sinnvoll, ihr auch annähernd die gleiche Zeit zu geben, damit sie sich wieder „vom Acker“ machen kann.
    Du machst das alles sehr, sehr gut
    Danke für’s Danke

    • Ich fand ja auch, dass ich auf einen guten Weg bin, nur halt GESTERN habe ich gezweifelt, wenn dann unterm Strich (Es lebe die Kreuzchen-Diagnostik) wieder nur eine „schwere Depression“ raus kommt.
      Aber heute ist heute und heute Nachmittag habe ich erstmal wieder einen Termin bei der Psychiaterin. Sie kennt mich seit über 10 Jahren (ich habe so nebenbei auch eine Trigeminus-Neuralgie und sie ist auch Neurologin). Da war noch nie etwas mit Kreuzchen. Ach, hin oder her, ich bin schon 100 Meilen besser drauf als noch vor einem halben Jahr. Nix mit schwerer Depression. Höchstens noch ein Depressiönchen. Punkt.

  3. DU bist DU und so bist DU richtig. An dir musst du nichts ändern, eventuell dein Verhalten zu dir ändern – aber was red ich da. Du bist klug, intelligent und weißt das selber. Hab Vertrauen in dich, du schaffst das!

  4. Liebe Weena. Lass dich nicht unterkriegen. Du gehst zur Therapie, also hast du den richtigen Weg eingeschlagen. Jetzt brauchst du nur noch Zeit und Geduld mit dir. Wer weiss was bei uns allen rauskäme wenn wir so ein Kreuzchen-Test machen würden. Jeder hat Macken und Eigenheiten. Das macht uns als Mensch einzigartig. Kopf hoch!

    • Danke fürs Mutmachen, nach meinen heutigen Pschychiaterin-Termin ist in meinem Kopf auch wieder alles in Ordnung.
      Weiter gehts ….
      Ja, du hast recht, wer hat schon in unserer industriellen Zivilisation nix mit der Psyche?
      Wer kann schon nicht fremdbestimmt leben?
      Wir stecken alle in irgendwelchen Zwängen.
      Ich glaube, ich werde ihn (den Therapeuten) nächste Woche nochmal darauf ansprechen. Wenn es dann noch wichtig für mich ist.
      Nochmal, dankeschön fürs Mutmachen!

  5. Ich bin zur Zeit in der Ausbildung zur Heilpraktikerinnen-Psychologin. Ich wollte anfangs die staatliche Prüfung machen. Damit dürfte ich dann auch PatienInnen z.B. mit Depressionen behandeln und über die Kasse abrechnen. Ich werde diese Prüfung nicht machen, genau wg. solcher Diagnoseverfahren und Einsortierung in den ICD10- den Störungen- und Krankheiten-Katalog.
    Das muss dein Psychologe tun, damit er eine Diagnosenummer hat, nach der er dich über die Kasse abrechnen kann. Ja, und oke, sowas geht natürlich auch per Fragebogen. Muss allerdings nicht. Dass er dich damit belästigt, halte ich für eher kontraproduktiv. Du bist du, wie hier schon gesagt, und PUNKT. Der kann, wenn es denn wirklich welche geben sollte, deine Zwangshandlungen mit dir zusammen ansehen und angehen. Er müsste sie vor dir nicht mal so nennen, das sind nur Worte. Die sind sinnvoll, wenns ums Ins-Schema-Pressen zum Abrechnen geht. Die haben nur sehr selten auch ne heilsame Wirkung in der Therapie. Hier z.B. hats ja nicht heilsam gewirkt.

    • Also für die Abrechnung wirds gebraucht. Aha.
      Ich hatte aber auch den Eindruck, er ist ein bissel wissenschaftsverliebt. Wie er mir das mit den Kurven in seinen Diagrammen erklärt hat, Pünktchen hoch und Pünktchen runter … Er hat auch einen Doktortitel, das heißt, er hat mal wissenschaftlich gearbeitet.
      Na, egal, wenn das jetzt eine einmalige Aktion war, um mich in irgendeine Schublade haben zu wollen mit Diagnosenr. drauf, dann ist das jetzt in Ordnung für mich.
      Danke für deine Infos.
      Was ist denn der Unterschied in der Ausbildung von „normalen“ Psychotherapeuten und „Heilpraktiker-Psychologen“? Gibt es da andere Therapieansätze? Andere Behandlungsmethoden?

      • Also, HP-Psychs dürfen weniger. Keine Medikamente verordnen (das dürfen ja eh nur die PsychiaterInnen und die Dipl. med. Psychs) und keine Therapie bei bestimmten Störungen organischer Natur und Psychosen und sowas (nur begleitend).
        Therapieformen hängen von Zusatzausbildungen ab. Grundsätzlich, so ganz grob gesagt, sind die HP-Psychs oft mit ‚alternativen‘ Therapiemethoden unterwegs. Viele davon zahlen die meisten Kassen nicht. Hervorragende, heilsame, wunderbare Therapiemethoden sind, so wie ich das sehe, alle, die unter dem Oberbegriff „Humanistische Therapiemethoden“ laufen. Gestalttherapie, Gesprächstherapie nach Rogers, Logotherapie, Bioenergetik, Psychodrama nach Moreno, Katathym Imaginative Psychotherapie – dergleichen, je nach Neigung. Die sind nicht ‚wissenschaftlich‘ bewiesen – sie funktionieren nämlich. 😛
        Wobei es IMMER auf die Person der Psychologin/des Therapeuten ankommt. Wenn die/der nicht passt, dann geht nix. Und es gibt natürlich auch gute Leute unter den VerhaltenstherapeutInnen, AnalytikerInnen und TiefenpsychologInnen =) (Das sind die ‚bewiesenen‘ Therapieformen, die die Kassen bezahlen.)

        • Okay, unter den alternativen Methoden kann ich mir so ein bisschen was vorstellen. Was ist die Gesprächstherapie nach Rogers?
          Liebe Grüße
          Weena

  6. Solche Tests sind Mittel, aber sie sind ein relativ grobes Raster. Trotzdem finde ich es nicht falsch, Dinge abzufragen, auf die man nicht unbedingt von selbst kommt.

    Dein Selbstgefühl finde ich sehr wichtig. Du ruhst dich ja nicht drauf aus, sondern arbeitest kontinuierlich, und beobachtest, was mit dir passiert.
    Depression hat einen Gewöhnungseffekt – ist gar nicht mal so schlecht, wenn man das immerzu knallhart wahrnehmen würde, wäre das unerträglich. Ein Teil von Depression ist oder kann sein, dass man Schwierigkeiten hat, aktiv zu sein, sein Leben zu organisieren usw. Das erkennt man selber nicht so leicht.
    Ein weiterer wichtiger Einfluss bei Depressionen sind Hormone, die zu unterschiedlichen Tageszeiten auftreten. Ich werde z.B. schnell sehr schlimm depressiv, wenn ich früh aufstehen muss. Ich habe diese Phase sehr lange verschlafen bzw. später noch geschlafen, sonst hätte ich massiver unter D. gelitten bzw. das wahrgenommen.
    Vielen Depressiven wird gesagt oder sie sagen sich selbst, sie müssen einen normalen Tagesrhythmus aufrecht erhalten – das halte ich persönlich nicht für sinnvoll. Vielleicht könntest du bei deiner Selbstbeobachtung eigene Aufzeichnungen erstellen, in denen du z. B. aufschreibst, ob deine Depression zu bestimmten Uhrzeiten schlimmer wird. Auch Essen kann wichtig sein. Ich selber habe Verschlimmerungen, wenn ich zuviel künstliches Essen konsumiere. Fertigsuppen, Pizza, usw. Zucker? Ein paar Wochen ein eigenes Protokoll mit Gewohnheiten, Aktivitäten und Seelenzustand zu führen, kann da zu sinnvollen ERkenntnissen führen, besonders wenn man jahrzehntelang eine bestimmte Lebensweise drauf hat, ohne sie bewusst zu hinterfragen.

    • Ja, das habe ich selbst schon an mir gemerkt, wann es schlechter wird. Ich selbst brauche einen strukturierten Alltag, an den ich mich durchhangeln kann, wenn es mir nicht gut geht.
      Vormittags geht es immer schlechter. Deshalb versuche ich alle wichtigen Dinge auf Nachmittag zu legen. Da kann ich auch besser denken.
      Auch wenn ich Hunger habe, ist es schlechter.
      Besser, wenn ich etwas zu knabbern habe.
      Kann neben Schokolade natürlich auch Nüsse sein,
      Und Schlaf ist wichtig. Zuwenig macht es auch schlechter …
      Du merkst schon, ich versuche schon auf mich achtzugeben, wann sich was verändert.
      Aber ich habe inzwischen auch gelernt, dass schlechte TAGE eben nur TAGE sind, die vorbei gehen. Dass es Phasen gibt, die kommen und gehen.
      Naja, in der Therapie werde ich noch einiges lernen.
      Liebe Grüße
      Weena

  7. Nüsse, Schlaf, ja. Und Licht hatte ich vergessen.
    Ich will dich jetzt nicht zum Nachtmenschen bekehren, aber eine Stunde verschoben kann bei diesen Hormonen schon viel bewirken.

    • Ja, Licht ist auch gut.
      Bitte jetzt nicht aufschreien, mit tut im Winter auch Solarium gut.
      Ich weiß, das ist die böse Sonne, von der man Hautkrebs bekommen kann.
      10 Minuten, die schwächste Liege und ich fühle mich hinterher besser.
      Ist so.

    • Sehe ich ja auch so. Aber die meisten heben schreiend die Hände, wenn ich davon erzähle. Für mich ist ausschlaggebend, dass es mir gut tut. Und diese Hightech-Dinger nur kurz und in großen Abständen genutzt, haben mir bis jetzt noch nicht geschadet. Wenn es denn jetzt noch „Spätfolgen“ kommen würden … mein Gott ich bin 60. Wenn ich mit 100 Hautkrebs bekommen sollte … bin ich bestimmt mit 99 schon an Altersschwäche gestorben…

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